Überwachung, Kontrolle und Subjektivierung
Das Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) der Universität Wien veranstaltet im Wintersemester 2010/11 eine Vortragsreihe:
Culture of Control?
Überwachung, Kontrolle und Subjektivierung
Konzept und Organisation: Ulrike Mayer und Odin Kroeger
Wenn heute Überwachung und Kontrolle thematisiert werden, so meist durch moralisierende Diskurse über die Art und Weise, in der staatliche und nicht-staatliche Organisationen Daten über uns sammeln. Wer das jedoch einfach nur skandalisiert und meint, dadurch schon wirksam in die politische Diskussion eingegriffen zu haben, verkennt, wie weit diese Kontrolltechniken bereits gesellschaftlich akzeptiert und gewünscht werden. Woher rührt nun aber diese breite Akzeptanz und welche Interessen und Bedürfnisse bedient sie? Die Vorträge dieses Semesters werden die gesellschaftliche Einbettung sowie den Wandel von Überwachungsmechanismen vor dem Hintergrund postfordistischer Transformationsprozesse nachzeichnen und diskutieren, wie sich dies auf Staatlichkeit, das Verhältnis öffentlich / privat und die Formierung vergeschlechtlichter Subjektivitäten auswirkt.
Montag, 8. November, 19.00 Uhr, Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien:
Walter Fuchs (Wien):
Kontrollkulturen im Wandel: auf dem Weg in die Sicherheitsgesellschaft?
Im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus erfahren Formen sozialer
Kontrolle einen erheblichen Wandel. Soziale Beziehungen werden in immer
mehr Bereichen durch das Primat der Sicherheit strukturiert. Die
Versicherheitlichung des Sozialen geht dabei nicht einfach nur von
einem “Überwachungsstaat” aus, sondern wird auch ganz alltäglich durch
die Individuen selbst vollzogen. Das besagt zumindest eine hier
aufgegriffene These, deren Stichhaltigkeit am Beispiel Österreich
überprüft wird. Der Vortrag schließt mit einer Diskussion der
Möglichkeit, Kritik an neuen Kontrollformen zu üben.
Walter Fuchs, Dr., MA, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
für Rechts- und Kriminalsoziologie, Wien. Arbeitsschwerpunkte:
Rechtssoziologie, Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer
Kontrolle, Recht und Alter, White Collar Crime, Sicherheit, Geschichte
der Kriminologie
Montag, 13. Dezember, 19.00 Uhr, Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien:
Aldo Legnaro (Köln):
Überwachung und Selbst-Überwachung − Aspekte einer Ökonomie der Transparenz
Überwachung hat viele Spielarten: panoptisch (wenige beobachten viele), synoptisch (viele beobachten einige), polyoptisch (viele beobachten viele), post-optisch im Internet. Diese Formen justieren auf je eigene Weise das Verhältnis zwischen den Dimensionen Privatheit und Öffentlichkeit und suchen eine Form der Selbstregierung zu etablieren, bei der die Herstellung sozialer Ordnung autonom und aus eigenen Interessen heraus erfolgt. Dazu zählt nicht zuletzt, im Rahmen einer Ökonomie der Aufmerksamkeit Transparenz her- und darzustellen.
Aldo Legnaro, Dr. rer. pol., arbeitet als freier Sozialwissenschaftler; momentaner Arbeitsschwerpunkt: Theorie der Kontrollgesellschaften
Montag, 24. Jänner, 19.00 Uhr, Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien:
Gundula Ludwig (Marburg):
Geschlecht und Heteronormativität überwachen
Die rigide Überwachung „richtigen“ geschlechtsspezifischen Verhaltens von Frauen* und Männern* sowie der Grenze zwischen „normaler“ und „perverser“ Sexualität scheint in Mitteleuropa vorbei zu sein: Frauen in Führungspositionen, Väterkarenz, Uni-Sex-Modestile, eingetragene gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften – Wurden Geschlecht und Heteronormativität für gesellschaftliche Ordnung irrelevant? Oder ist durch die neoliberale Flexibilisierung auch von Normen die Herstellung geschlechtlicher und sexueller „Normalität“ bloß subtiler geworden? Gegenstand des Vortrags ist eine Auseinandersetzung mit jenen subtilen Formen des Überwachens, Kontrollierens und Regierens von Geschlecht und Heteronormativität als zentraler Elemente neoliberaler Subjektivierung.
Gundula Ludwig, Dr.in phil., ist wissenschaftliche Geschäftsführerin am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Universität Marburg. Arbeitsschwerpunkte: Feministische Staatstheorie, Politische Theorie, Sozialwissenschaftliche Gender Studies und Queer Theory.
KoordinatorInnen:
Odin Kroeger: Studium der Philosophie in Wien, Berlin und Canberra. In Kürze erscheint: O. Kroeger, G. Friesinger, P. Lohberger, E. Ortland (Hg.): Geistiges Eigentum und Originalität. Zur Politik der Wissens- und Kulturproduktion. Wien / Berlin: Turia+Kant.
Ulrike Mayer ist Produktionsassistentin beim donaufestival und Politikwissenschafterin; in Kürze erscheint: „Standing in the Way of Control“. Eine gouvernementale Analyse kontrollgesellschaftlicher Formen von Musikzensur am Beispiel der Zäsur 9/11. Wien: Peter Lang.
Link: http://www.univie.ac.at/iwk/ak.html#control